Jørgen Kube

Fotografien

März 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maria mit Kind, 2004

 

Die Ausstellungseröffnung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Eröffnungsrede

1. Kube im KUBO
2. analoge Fotografie
3. Inszenierung und Standpunkt
4.  zuhause
5. Die Heiligen im Paradies
6. schöne Wahrheit
7. unheimlich
7a. die Überraschung
7b. zweite Überraschung

 

1. Kube im KUBO
KUBO veranstaltet seit einigen Jahren „weekend-Ausstellungen“, ein ungewöhnliches Format im  Ausstellungsbetrieb, eher gebräuchlich für Konzerte. Ein Wochenende hat knapp 3 Tage und leider wird mancher die Ausstellung nicht sehen können. Dennoch, unsere Erfahrung zeigt, dass die Verdichtung auf ein “Weekend” gut funktioniert - so, als ob sich die Konzentration erhöhen würde.

Jørgen Kube stellt seine Fotografien im KUBO aus, ein Konzentrat seiner fotografischen Entwicklung. Jørgen Kube studiert seit 2001 an der Bremer Hochschule für Künste bei Prof. Peter Bialobreski und Wolfgang Zurborn. Wir vom KUBO freuen uns über diese Ausstellung, wir freuen uns auch über den enger werdenden Kontakt zur Hochschule, und darüber, dass KUBO ein Ausstellungsort für die Studenten, die Absolventen und die Künstler in Sachen Fotografie ist.

2. analoge Fotografie
Vor einigen Jahren musste man nicht darauf hinweisen, dass ein Fotograf analog, also klassisch fotografiert, denn es war selbstverständlich. Heute muss man das, denn die Fotografie - auch im Kunstzusammenhang - bedient sich sämtlicher Mittel, also auch der digitalen. Jørgen Kube fotografiert analog, mit einer Mittelformatkamera, auf einem Negativfilm. Die Abzüge sind Handabzüge, von ihm selbst entwickelt. Man nennt das heute analoge Fotografie. Manipulationen beziehen sich auf technische Eingriffe wie das Filtern, aber nicht auf das Fotografierte selbst. Das fotografierte Motiv wird bei Kube nicht nachträglich beeinflusst.

3. Inszenierung und Standpunkt
Die Fotografie findet, dokumentiert, inszeniert oder konstruiert Bilder. Das ist uns heute mehr denn je bewusst. Alle diese Möglichkeiten werden intensiv benutzt. Die Bilder der Fotografie sind nicht nur ge- sondern auch erfunden, denn durch unsere Sichtweise fügen wir dem Bild etwas hinzu. Für die künstlerische Fotografie ist das selbstverständlich. Sie bedient sich vieler Verfremdungen. Sie hat nicht in erster Linie  den Anspruch, die Realität „real“ abzubilden. Vielmehr versucht sie gerade über die fotografische Inszenierung eine Bildaussage zu erzeugen, die als Bildaussage und nicht als Abbild zu entschlüsseln ist. Bei den Nachinszenierungen wird dies besonders deutlich. Die Heiligen von Jorgen Kube werden modern nachempfunden, aber bleiben mit ihrer Bildaussage dicht am Vorbild der Überlieferung. Die fotografische Inszenierung ist ein Mittel der Bilderzählung, der Fotograf stellt seine Sichtweise dar und leitet den Blick des Betrachters. Das beginnt natürlich mit dem Standpunkt, den der Fotograf wählt und endet mit der Stellungnahme über eine Person, eine Situation oder einen Ort.

Jørgen Kube betreibt inszenierte Fotografie, er wählt und arbeitet nach Themen. Er setzt diese in seine Bilder.

4.  zuhause
Zuhause kann man seine Lebensweise ausleben, kann sich geborgen fühlen. Zuhause ist “mein Reich“. Der prominenteste Ort  des Heims ist das Sofa im Wohnzimmer, dort sitzen die Gäste, man selbst, dort ist Entspannung, manchmal auch die “gute Stube“. Das Sofa ist ein Stückchen Weltanschauung. Das Sofa drückt den Stil der Zeit und den Stil der Menschen in der Zeit aus.

Jørgen Kube porträtierte aus zentraler Perspektive Menschen auf ihren Sofas. Deren Häuser oder Wohnungen wurden in den 50er, 60er, 70er, 80er oder 90er Jahren erbaut. Die Porträtierten wohnen seit Anbeginn dort, also seit 50, 40, 30, 20 oder seit 10 Jahren. Sind sie ihrem Stil treu geblieben? Sitzen sie auf den Trends jener Jahre?

Wo ist der Tisch? Jørgen Kube belichtet mit dem Blitz, also keine stimmungsvolle Beleuchtung des Wohnzimmerlebens. Sämtliche Attribute pur. Und keine smilenden Personen – wie macht man das?

Diese Bilder sind einerseits die Selbstpräsentation der auf dem Sofa Sitzenden und zugleich das Blickangebot des Fotografen: Interpretierende Porträts mit den Mitteln des in Szene gesetzten Dokuments.

5. Die Heiligen im Paradies
Natürlich sind die Heiligen im Paradies. Mehr Anrechte hat wohl niemand. Sie haben ihre wertvolle Arbeit hinter sich und genießen das Picknick im Freien. Sie lassen es sich gut ergehen auf der Wiese, in der Pflanzen- und Blumenpracht, selbst wenn einige leicht entrückt von der nahen Wirklichkeit ins Nichts schauen. Jørgen Kube schafft es, mit seinen inszenierten Fotos am Klischee und am Kitsch vorbeizuschrappen. Aber er muss sich von diesen berühren lassen, denn das Paradies ist ohne Klischee gar nicht existent. Es ist eine Kunst, dem Paradies eine diesseitige Variante jenseits von Kitsch hinzuzufügen. Das gelingt  Jørgen Kube, weil er in seinen Inszenierungen die Klischees reduziert einsetzt, und zum Beispiel die gewöhnliche Kleidung “dagegenrechnet“.

Nun aber zu den eigentlichen Heiligen. Sie beeindruckten Jørgen Kube auf einer Italienreise. Ein Freund verfasste eine Diplomarbeit zu den Heiligen, und so wurde kaum eine Kapelle mit Heiligendarstellungen ausgelassen. Vor diesem Hintergrund entstand die Serie “die Heiligen“. Jørgen Kube übersetzt die Attribute bedeutsamer christlicher Heiligenfiguren in die heutige Zeit. Er „versucht dabei, ihre magische Aura und Schönheit zu bewahren“.

Heilige sind besondere Vorbilder für die Gläubigen – durch ihr Leben, aber auch häufig durch ihr Sterben als Märtyrer. Die Heiligen können Fürsprecher im Himmel sein, sie sind kein Gott, aber stehen über den Normalgläubigen. Den millionenfach dargestellten Heiligenfiguren stellt Jørgen Kube die alltäglichen Versionen der heutigen Menschen hinzu. Er nimmt die Diskrepanz der christlichen Figuren auf, wie sie oft angesichts grausamer Ermordung in Reinheit und Schönheit als Märtyrer erglänzen, Qual und Leid hinter sich lassen und so das Überirdische verkörpern. Die Gedärme des Erasmus, die herausgerissenen Augen der Lucia, die enthauptete Dorothea - mag sein, dass die Engel und Kinder dagegen Trost spenden, oder dass aus dem Laptop freudigere Kunde als aus den Schriftrollen des Johannes tönt. Hoffen wir, dass der Nimbus, der Lichtschein, den Jørgen Kube um die Maria mit Kind hinterleuchtete, auch wirklich ein Heiligenschein ist.

6. schöne Wahrheit
Jørgen Kube nennt eine Serie >die wahre Schönheit<. Er porträtiert Männer und Frauen ab 50 bis 100 Jahre, die für ihn eine besondere Ausstrahlung haben. Die erste Fassung entstand im Parkhotel, mit Blitzanlage, Kostümen und Requisiten. Das aber erwies sich als der falsche Weg.  Die hier ausgestellten Bilder sind mit Tageslicht aufgenommen, ohne Requisiten, mit den Lieblingskleidern der Porträtierten. Es kam Jørgen Kube darauf an, sie so authentisch wie möglich zu zeigen, um das dahinterliegende Bild entdeckbar zu machen. Die Formulierung >wahre Schönheit< legt die Vermutung nahe, dass Jørgen Kube der klassischen Auffassung folgt, das die eigentliche Schönheit aus der Wahrheit entspringt. Die moderne Kunst hat mit Schönheit so ihre Probleme, weil sie auf das Geschönte schaut und das wiederum für unwahr hält. Und da treffen sich beide Vorstellungen, nämlich in der Ablehnung der Oberfläche. 

Jørgen Kube versucht mit seinen Porträts, durch die Oberfläche hindurchzu-fotografieren. Ich glaube, es gelingt ihm. Wir erkennen vielleicht nicht die Wahrheit, aber wir sehen das Bemühen um Wahrhaftigkeit, mit der die Modelle und der Fotograf sich präsentieren. Und das ist keine Oberfläche.

7. unheimlich
Es gibt Orte oder Situationen, die sind so, als wären sie inszeniert. Letztlich sind sie das auch, denn irgendwann haben Menschen oder Ereignisse einen Zustand erzeugt -  man könnte sagen, ein Szenario hergestellt. Und dann kommt ein Fotograf und findet. Er stellt sich in Position und macht das Bild.

Jørgen Kube hat gefragt, „wo fühlt Ihr Euch unwohl ?“, „was  ist Euch unheimlich ?“. Heraus kamen nächtliche Parkplätze unter Hochstrassen, oder einsame Orte: Gruselig, unheimlich, gefährlich, aber auch interessant, Orte, an denen sich Geister aufhalten könnten. Schauen wir uns ein Foto näher an. Unter den Hochstrassen, die leeren Parkplätze, nachts. Das grelle weiße Licht trifft auf diesen Baum, der so unwirklich steht, als ob er verbleichen wolle. Und wer hat eigentlich die Plakatwand mit weg.de auf die rechte Seite gestellt? Wenn das keine Inszenierung ist!

Die Kunst dieser Fotos besteht darin, die Orte so darstellen zu können wie die Befragten sie empfunden haben. Ein etwas verändertes Licht, ein anderer Aufnahmewinkel und schon könnte der Ort ganz ohne Grausen sein.

7a. die Überraschung
In der Ausstellung gibt es eine Arbeit, die >die Muse< heißt. Dazu gibt es eine Überraschung. Sagen wir um ½ 9, um 20.30 Uhr gibt es eine Öffnung des Musenkartons. Sein Inhalt wird von Claudia vorgeführt, und von Jørgen Kube gibt es dazu Erläuterungen.

7b. zweite Überraschung
sagen wir gegen 21 Uhr gibt es ein Picknick, bestehend aus Baguette, Käse und anderen Aufmerksamkeiten.

Dr. Detlef Roth

KUBO-Archiv